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   Ausstellung Würzburg 19. Sept. - 4. Nov. 2006

"Aus Zelt und Dorf"

Nomadische und bäuerliche Textilien aus vier Jahrhunderten

Bieber-Projekt


« Ausstellungen seit 1999 »   © Galerie KELIM Rundgang »

Orientalische Textilien - gestickt, gewebt oder geknüpft - gehören seit ihrem Auftauchen im Westen ab dem 13. Jahrhundert zum Lebensstil aller europäischen Kulturepochen.
Mit dem Niedergang der Orientteppichproduktion im ausgehenden 19. Jahrhundert - eingeleitet durch die Erfindung der synthetischen Farbstoffe - wird zwar die Qualität der Erzeugnisse, nicht aber die Nachfrage des Abendlandes geringer.
Ein unvergleichbarer Teppichkonsum hat heute nahezu alle Bereiche der westlichen Wohnkultur ergriffen.
Die orientalischen Muster und Farben haben somit selbst im Zustand extremer Degeneration für den Ungeübten ihre geheimnisvolle Anziehungskraft nicht verloren.
Um dies zu verstehen, muß man immer bedenken, dass der Orientteppich trotz der engen Verbindung, die er mit der europäischen Wohnkultur eingegangen ist, ein typisch orientalisches Erzeugnis bleibt. Nur im Orient konnte er entstehen, da der orientalische Mensch ein ganz anderes Verhältnis zum Raum hat, das auch nach Jahrhunderten seßhaften Daseins Erinnerungen an das Leben im Zelt bewahrt. Auf Kissen oder Matten hocken bzw. liegen, ergibt im Unterschied zum Sitzen auf Stühlen und Schlafen in Betten ein anderes Verhältnis zum Boden. Darum hat der Orient den Bodenteppich und das Abendland den Wandteppich entwickelt.
Nur im Orient waren außerdem die Bedingungen gegeben, die Erfindung des Knüpfteppichs zur Kunstform zu entwickeln. Dies ist in einer überlegenen Begabung und Erfahrung im Entwickeln ornamentaler Formen zu suchen, die in der orientalisch islamischen Einstellung zur Kunst wurzelt und für den westlichen Menschen ein Buch mit sieben Siegeln darstellt. Gerade diese Unfähigkeit des Verstehens ist es, daß der Knüpfteppich und später auch die anderen orientalischen Textilformen seit 7OO Jahren immer von neuem anziehen, bezaubern und verführen, wenngleich der Niedergang der städtischen und höfischen Knüpfkunst schon längst besiegelt ist.
Vor diesem düsteren Hintergrund heben sich die Erzeugnisse bäuerlicher und nomadischer Textilkunst der orientalischen Region in leuchtenden Farben ab, wenn auch der Einbruch der synthetischen Farben die traditionelle Volkskunst in den Wurzeln zutiefst erschütterte.
Vom Bosporus bis Samarkand ist es den orientalischen Menschen trotzdem gelungen, die spirituelle und vitale Aussagekraft ihrer Volkskunst bis in die Gegenwart zu retten.
Die Ausstellung „Aus Zelt und Dorf“ ist gerade diesem bäuerlichen und nomadischen Kulturgut gewidmet , von dem viele schon lange wissen, dass es vor dem völligen Verfall bewahrt und zum Kulturerbe der Menschheit erhoben werden sollte. Manfred Bieber